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Industrie 4.0 ist machbar, der Mensch 4.0 nicht ohne weiteres

MTM-Bundestagung zu den Perspektiven des Industrial Engineering in der Arbeitswelt von morgen
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Veröffentlicht am
01.12.2014
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Wie wird die Transformation hin zu einer mobil vernetzten Gesellschaft und einer digitalisierten Produktion zu bewältigen sein? Diese Frage diskutierten die Referenten und die gut 180 Teilnehmer der diesjährigen MTM-Bundestagung am 23. Oktober 2014 in Stuttgart.

Wie wird die Transformation hin zu einer mobil vernetzten Gesellschaft und einer digitalisierten Produktion zu bewältigen sein? Diese Frage diskutierten die Referenten und die gut 180 Teilnehmer der diesjährigen MTM-Bundestagung am 23. Oktober in Stuttgart. Die Deutsche MTM-Vereinigung bot damit einmal mehr Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie Fach- und Führungskräften des Industrial Engineering eine Plattform für Wissenstransfer und Erfahrungsaustausch.

Für einen spannenden Einstieg ins Thema sorgte Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Leiter des Fraunhofer Instituts IAO und des IAT der Universität Stuttgart. Das Internet der Dinge, also das Ergebnis des Zusammenwachsens von physischer Welt und Datenwelt, werde die Welt radikal weiter verändern, stellte er fest. Die aktuelle Diskussion zur Industrie 4.0 sei eine Hype-Diskussion und „wir werden die nächsten 20 Jahre sicher nicht jedes Jahr über diesen Begriff sprechen, aber die Entwicklung wird stattfinden“, so Bauer. Die Digitalisierung der industriellen Wertschöpfung habe ohne Zweifel das Potenzial, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken. Doch Deutschland müsse auch Anbieter von Industrie 4.0 werden, betonte der Institutsleiter.


Industrie 4.0: MTM als Gestaltungspartner gefragt

Zur Auswirkung von Industrie 4.0 auf die Produktionsarbeit und damit auf die Rolle des Menschen zitierte Bauer eine aktuelle Studie des amerikanischen Wirtschaftsblatts „The Economist“, wonach in den nächsten 20 Jahren 45 Prozent der Jobs wegfallen könnten. Die Studie stimme dann, wenn gemeint sei, dass speziell in der Produktion fast die Hälfte der Arbeitsplätze wegfallen wird, so Bauer. Doch es würden andere, neue Jobs in anderen Bereichen entstehen – z. B. dort, wo Produktionssysteme, Technologien und Produkte entwickelt werden. Den Beitrag insbesondere von MTM sieht Bauer klar: „Auch Arbeit der Zukunft muss gestaltet werden.“ Und: „Gestaltungspartner darf nicht nur Google sein.“

Einen Eindruck von Arbeitsgestaltung und integrierter Ergonomiebewertung in italienischen Industrieunternehmen vermittelte Gabriele Caragnano, Präsident der MTM-Vereinigung Italien. Am Beispiel der Fiat Chrysler Automobil Group beschrieb er den Einsatz von MTM und EAWS (Ergonomic Assessment Work Sheet) zur Beurteilung biomechanischer Belastungen am Arbeitsplatz. Ergo-MTM, wie die Methodik bei Fiat genannt wird, ist mittlerweile als Standard im Produktionssystem World Class Manufacturing (WCM) etabliert und auch Bestandteil der Betriebsvereinbarungen. Transparenz und Kommunikation seien in jedem Veränderungsprozess entscheidende Faktoren, so Caragnano. Für die Arbeit der Zukunft – auch in der Industrie 4.0 – gelte: tue die richtigen Dinge, tue die Dinge gesundheitsförderlich und beziehe alle mit ein.


Personalbedarf: Valide Daten statt Bauchgefühl

Dass diese Vorgehensweise auch in administrativen Bereichen funktioniert, stellten Gerhard Hinz, Head of Department Compensations & Benefits, und Ingo Walther, Betriebsratsvorsitzender Hauptverwaltung, beide Euler Hermes Deutschland AG, in einem Tandemvortrag unter Beweis. Das 2013 eingeführte Projekt Excellence zur Reorganisation der Euler Hermes Gruppe bringt eine Vielzahl von Veränderungen für die Mitarbeiter mit sich: z.B. neue Strukturen und Prozesse, neue Anforderungen im Umgang mit der IT, Wechsel an andere Arbeitsplätze. Grundsätzlich sei man mit einer motivierten Mitarbeiterschaft an die Umsetzung gegangen, sagte Walther. Als sich Hinweise auf Überlastungssituationen mehrten, habe man sich jedoch die Frage stellen müssen: Ist eigentlich genügend Personal da? Schließlich kann „keine noch so gut gestaltete Arbeit eine quantitative Überforderung auffangen“, betonte HR-Experte Hinz. In Sachen Personalbedarf sollte man nicht auf ein „Gefühl“ bauen, vielmehr sei die objektive Beschreibung der Situation, die Schaffung einer validen Datenbasis der richtige Weg. Angeschoben wurden eine Gefährdungsbeurteilung auf Basis von MTM-Analysen und ein Qualifizierungsprogramm für Führungskräfte. Das Projekt „Transparente Personalbedarfsermittlung“ habe den Nachweis erbracht, „wo es brennt und wo nicht“, so Walther. MTM habe also geholfen, Mitarbeiter in ihrer Einschätzung zu bestätigen und ihnen neue Motivation zur Veränderung zu geben. Wenn bei Euler Hermes von MTM gesprochen werde, dann nicht in Zusammenhang mit Bausteinsystemen, sagte Hinz. „MTM steht inzwischen für das ganzheitliche Vorgehen. Die Mitarbeiter sagen: Wir machen MTM.“

Frank Iwer, Bezirkssekretär Tarifpolitik, IG Metall Baden-Württemberg, hält einen Paradigmenwechsel nicht betriebswirtschaftlich, wohl aber arbeitspolitisch erforderlich. Laut einer Beschäftigtenumfrage der IG Metall fühle sich schon heute jeder zehnte Befragte den Anforderungen nicht gewachsen; ein Drittel glaubt nicht, dass es seine gegenwärtige Tätigkeit bis zum Rentenalter ausüben kann. Dass die Mehrheit der Betriebe laut Umfrage nicht auf die künftigen Anforderungen vorbereitet ist, schätzt auch Iwer so ein. Der Austaktungsgrad z. B. habe zugenommen, taktentkoppelte Tätigkeiten dagegen würden minimiert. Realität 2014 sei auch, dass immer häufiger auf Abruf gearbeitet werde, gleichzeitig aber kaum Freiräume eröffnet würden. Und Ergonomie höre mit Sicherheit nicht bei einer Hebehilfe auf. „Industrie 4.0 bietet keinen Lösungsautomatismus“, stellte Iwer fest. Was es brauche, sei eine Debatte nach innen wie nach außen, „weil wir nicht so sicher sind, wie zukunftsfähige Produktionsarbeit aussehen kann.“

Die von MTM-Geschäftsführer Dr. Knut Kille moderierte Podiumsdiskussion, an der neben Frank Iwer Jeanette Huber vom Horx Zukunftsinstitut, MTM-Vorstandsvorsitzender Dr. Bernd Müller, Dr. Hans-Jürgen Braun, Continental Automotive GmbH, und MTM-Institutsleiter Prof. Dr. Peter Kuhlang teilnahmen, rückte noch einmal die Perspektiven des Menschen in der Industrie 4.0 in den Mittelpunkt. Themen waren u. a. die Mensch-Roboter-Kollaboration, das Lernen im Prozess der Arbeit, ergonomiegerechte Arbeitsgestaltung, MTM als neutraler Maßstab der Leistungsbemessung, Fragen der Ethik und der Führung. „Wir brauchen die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umgehen zu können. Und dazu brauchen wir die richtigen Menschen“, stellte Jeanette Huber fest. Aus dem Auditorium meldete sich an dieser Stelle Betriebsratschef Ingo Walther noch einmal zu Wort. Industrie 4.0 sei wohl machbar, sagte er, „der Mensch 4.0 nicht ohne weiteres.“


Arbeitsatmosphäre macht Unternehmen attraktiv

Mit der Generation Y, den heute 20- bis 35-Jährigen, und ihren Anforderungen an die Arbeitswelt der Zukunft setzte sich Jeanette Huber, Mitglied der Geschäftsleitung des Horx Zukunftsinstitut GmbH, in einem packenden Schlussvortrag auseinander. In Zukunft müssten sich Unternehmen bei potenziellen Mitarbeitern bewerben und nicht umgekehrt. Deshalb sollten sie beizeiten darüber nachdenken, womit sie auf dem Bewerbermarkt punkten können. Denn die Generation Y hat einiges vor: Karriere machen, ins Ausland gehen, mal aussteigen, studieren, Arbeit und Elternzeit, Arbeit und Pflege, Arbeit und Ehrenamt. Die Generation Y habe Lust richtig reinzuhauen, aber nicht sich für den Job aufzugeben. „Performance entsteht durch eine Arbeitsatmosphäre, die Selbstmotivation nicht erdrückt“, sagte Jeanette Huber. Dazu gehöre eine neue Fehler-Kultur, das „schöne Scheitern“, ebenso wie der permanente Wechsel von Leistungs- und Entspannungsphasen. Und nicht zuletzt eine Portion Humor. „Wenn Sie was verändern wollen, müssen sie dafür sorgen, dass die Leute auch Spaß daran haben.“


MTM Junior-Award 2014

Sarah Pfoser (s. Foto Titelseite) ist die diesjährige Preisträgerin des MTM Junior-Awards. Prof. Dr. Peter Kuhlang, Geschäftsführender Leiter MTM-Institut, würdigte die Abschlussarbeit der frischgebackenen Magistra als wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung von MTM. Thema der Arbeit ist die Entwicklung eines Personalbedarfsplanungstools für das BMW Werk in Steyr/Österreich auf Basis von MTM-Logistik-Daten.  

ik  

 
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